Wege der Ganzwerdung

Tadao Yamaguchi – Jikiden Reiki


Tadao Yamaguchi - Jikiden Reiki
Windpferd Verlag, Aitrang 2006, 119 S., 13,90 Euro
Erstveröffentlichung im Reiki-Magazin Nr. 4/2006

Mit diesem Werk liegt ein Novum auf dem deutschsprachigen Büchermarkt
vor: ein Reiki-Buch über traditionelles japanisches Reiki, geschrieben
vom derzeitigen japanischen Halter dieser Linie. Tadao Yamaguchi ist
mit Reiki groß geworden und wurde von seiner 2003 verstorbenen Mutter
Chiyoko unterrichtet. Diese wiederum hat im März 1938 bei Chujiro
Hayashi den fünftägigen Shoden- und Okuden-Kurs absolviert und den Grad
des Shihan ca. 1940 von ihrem Onkel Wasaburo Sugano mit Erlaubnis von
Hayashi Sensei erhalten (S. 34): “Später nahm sie als Shihan an Kursen
teil und hatte die Ehre, mit Hayashi Senseis Frau, Chie Hayashi Sensei,
Reiju geben zu dürfen.” (S. 28)

Diesem System, das Tadao Yamaguchi als Vertreter der Linie Usui –
Hayashi – Sugano – Yamaguchi lehrt, haben seine Mutter und er den Namen
Jikiden Reiki gegeben. Jikiden bedeutet “direkt übertragen” oder
“weitergegeben vom eigenen Lehrer” und soll ausdrücken, dass die
Familie Yamaguchi sich hier möglichst exakt an den Unterricht halten
will, den Chiyoko Yamaguchi direkt von Hayashi Sensei erhalten hat (S.
19f). Es zeugt von der Integrität der Yamaguchis, dass sie dem von
ihnen weitergegebenen System einen eigenen Namen gegeben haben und
dabei einen Weg fanden, auf die Namen Hayashi oder gar Yamaguchi zu
verzichten, aber gleichzeitig ihren Lehrer zu ehren.

Mit ihrer Lehrtätigkeit haben die Yamaguchis 1999 begonnen, nachdem sie
in Japan in Kontakt mit Reiki-Praktizierenden westlicher Prägung
gekommen waren und dadurch – sowie durch die Publikationen Frank Arjava
Petters – eine ungeahnte Nachfrage einsetzte: “Viele renommierte
Reiki-Lehrer kamen meine Mutter besuchen und wollten uns überzeugen,
heutigen Schülern Reiki in der ursprünglichen Art beizubringen, wie
Hayashi Sensei es gelehrt hatte.” (S. 10)

Dabei liegt der Schwerpunkt dieses Stils in der Behandlung: “Meine
Mutter heilte ihr ganzes Leben lang viele Menschen von verschiedenen
Krankheiten.” (S. 11) Deshalb wird Tadao “Reiki weiter als
hervorragende Methode zur Verbesserung der Gesundheit propagieren”,
denn “in der Vergangenheit förderten Usui Sensei und Hayashi Sensei
Reiki in der Hoffnung, es für medizinische Behandlung einzusetzen.”
Spannend, dass dieser behandlungsorientierte Reiki-Stil jetzt seinen
Weg in den Westen gefunden hat, wo sich Schulmediziner und
Reiki-Praktizierende immer mehr anzunähern scheinen.
Das “Westliche Reiki”, so Tadao Yamaguchi, habe im Vergleich zu Jikiden
Reiki einige Elemente weggelassen und verschiedene neue Ideen und
Praktiken hinzugefügt (S. 19). Aus Sicht des Rezensenten ist es jedoch
wichtig, den Begriff “Westliches Reiki” ein wenig zu differenzieren.

Wie aus Vergleichen im Buch und aus Gesprächen hervorgeht, scheint
Tadao Yamaguchi nur von – vor allem in Japan weit verbreiteten – Stilen
wie Radiance sowie Varianten der freien Reiki-Szene gehört zu haben,
auf denen seine Vorstellungen von dem, was er “westliches Reiki” nennt,
wohl basieren. Im Grunde scheint der Autor darunter alle Stile zu
subsummieren, die “nicht-japanisch” sind.

Es ist jedoch festzustellen, dass dieses “westliche” Reiki heutzutage
aus einer Vielzahl von Strömungen besteht, die sich zum Teil massiv
voneinander unterscheiden. Sie alle in einen Topf namens “westliches
Reiki” zu werfen, ohne sich dieser Unterschiede bewusst zu sein, kann
zu Polarisierungen und Wertungen führen, die “japanisches” Reiki
gegenüber “westlichen” Reiki-Stilen als irgendwie besser erscheinen
lassen, wobei jedoch übersehen wird, dass alle fundierten Systeme –
egal ob japanisch oder “westlich” – ihre speziellen Vorzüge haben.

Gleichzeitig zeigt sich ebenso anhand dieses Buches, dass es
tatsächlich deutliche Gemeinsamkeiten unter den großen westlichen
Reiki-Strömungen gibt, die sie von der japanischen Praxis des Jikiden
Reiki klar unterscheiden. Hier handelt es sich durchweg um die
Strömungen, die über Hawayo Takata den Weg aus Japan heraus gefunden
haben und von ihrer Praxis her wesentliche Elemente des Takata-Stiles
beibehalten haben. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Frau Takata
direkt bei Hayashi gelernt hat, während Chiyoko Yamaguchi den
Lehrergrad von ihrem Onkel erhielt und auch hier Möglichkeiten einer
Veränderung der Lehre bestanden haben – wie es in dem Buch heißt, seien
alle Zertifikate und Seminar-Notizen von Frau Yamaguchi zwischen 1942
und 1945 verloren gegangen (S. 37 und 69).

Diese Information gibt der Autor im zweiten Kapitel des Buches, wo er
den Reiki-Weg der Familie darstellt, beispielsweise wie Reiki als
Mitgift für seine Mutter diente, wie mit Reiki zur Zeit des Zweiten
Weltkriegs gearbeitet wurde oder wie Reiki das Leben des
kriegsversehrten Vaters rettete. Dann folgt die Vermittlung von
Grundwissen: die Arbeit von Usui und Hayashi, Ausführungen über Byosen,
die Gokai (Lebensregeln) sowie einige Gedichte des Meiji-Kaisers.

Kapitel 4 wendet sich daraufhin mit Informationen zu Japan, seinen
Traditionen und der Sprache speziell an Nicht-Japaner, behält aber
stets den Fokus auf Reiki und gibt so tiefere Einblicke in die Praxis
von Kotodamas oder das Reiki-Symbol. Dieser Teil wurde auf Anregung der
Lektorin ergänzend zu der 2003 erschienen japanischen Originalausgabe
hinzugefügt (S. 181).

Praktische Anwendungen findet der Leser im fünften Kapitel. Tadao
erläutert den Behandlungsplan von Hayashi Sensei und gibt Grundregeln
und Beispiele für eine Reiki-Behandlung. Dabei weist er auch auf
Unterschiede in der Praxis von Usui und Hayashi hin, erläutert den
Ablauf der Revitalisierungstechnik Kekko und präsentiert bemerkenswerte
Heilergebnisse.

Dem Unterricht von Jikiden Reiki widmet sich das sechste Kapitel. Dabei
zeigt sich, dass es sich westliche Lehrer, die den von ihnen
vermittelten Reiki-Graden – wie es in der Reiki-Szene teils zu
beobachten ist – einfach nur trendige japanische Namen gegeben haben,
nicht nur inhaltlich, sondern bereits strukturell viel zu einfach
machen: “Zwei Drittel des Shoden sind Reiki 1 im westlichen Reiki und
das letzte Drittel Shoden sowie Okuden komplett sind Reiki 2.” (S. 138)
Anstelle des im Westen verbreiteten 3A-Grades gibt es den Shihan-kaku,
den Assistenzlehrer, mit der Berechtigung, den Shoden-Kurs zu lehren.
Shihans können auch Okuden lehren, und zu Zeiten Hayashis durften
manche Shihans – für die später der Begriff “Dai-Shihan”, also “Großer
Lehrer” eingeführt wurde – auch selbst Shihans ausbilden (S. 189f).

Hier klärt sich meines Erachtens auch endlich der Hintergrund für den
im “westlichen” Reiki gebräuchlichen Begriff “Großmeister”, denn
Phyllis Furumoto wurde am Anfang ihrer Zeit von vielen anderen
Takata-Meistern das alleinige Recht übertragen, andere Meister
innerhalb des Usui Shiki Ryoho auszubilden – eine Ehre, die sie 1988
wieder zurückgab und die Tadao Yamaguchi derzeit im Jikiden Reiki
ausübt (vgl. Reiki Magazin, Ausgabe 3/06, Silke Kleemann: Jikiden
Reiki, S.42).
Im Unterschied zur modernen westlichen Praxis gelten im Jikiden-Reiki
mindestens 120 Stunden Behandlungserfahrung als Voraussetzung, um
Meister werden zu können. Hayashi selbst hat übrigens die ersten beiden
Grade an fünf Tagen zusammen unterrichtet (S. 138) – aber nur dann,
wenn er weiter entfernte Gruppen hatte (S. 191). Vermutlich ein Tribut
an die eingeschränkte Mobilität jener Tage. Ein wenig irritiert, dass
Tadao Yamaguchi selbst die beiden Grade in der Hälfte der Zeit zusammen
unterrichtet und den Lehrplan gleichzeitig um aktuelle Themen erweitert
haben will.

Allerdings scheint der Lernumfang des Okuden geringer als der zweite
westliche Reiki-Grad. Denn interessanterweise besteht Jikiden Reiki nur
aus drei Symbolen, das Meistersymbol scheint erst im westlichen Reiki
hinzugefügt worden zu sein (vgl. Frank Arjava Petter: Reiki ganz klar,
S. 60). Somit unterrichtet Tadao Yamaguchi bereits im Shoden-Kurs das
erste Symbol, da es bei der Arbeit mit Byosen eingesetzt wird (Petter,
S. 61), im Okuden das zweite Symbol zur Mentalbehandlung sowie ein
Mantra, und im Shihan-kaku das dritte Symbol. Dies legt die Annahme
nahe, dass das Fernreiki-Symbol im Jikiden Reiki bei der
Einstimmungsarbeit der Reiki-Lehrer eingesetzt wird und dort eine
ähnliche Rolle wie das Meistersymbol im westlichen Reiki spielen
könnte. Auch der Umgang mit Symbolen ist ein anderer, “sie spielen eher
eine Nebenrolle” (S. 140).

Dann folgen genaue Schilderungen dessen, was
in Jikiden Reiki Seminaren geschieht.
Das Buch schließt mit Feedback von japanischen und westlichen Jikiden
Reiki-Schülern – diese sind natürlich sehr begeistert, und einige, die
bereits im Vorfeld westliches Reiki praktiziert haben, beschreiben sich
nun als “erdverbundener” und betonen die Einfachheit des Systems: “Es
ist schlichter und fühlt sich an, als seien ein paar ‘Verpackungen’
weggefallen.” (S. 162)

Diese Aussage passt auch zum vorliegenden Werk als Ganzes. Die Klarheit
und Tiefe, mit der es geschrieben ist, deutet auf die jahrzehntelange
Reiki-Erfahrung des Autors hin. Für mich stellt es die aktuelle
Standardlektüre zum Thema “Traditionelles japanisches Reiki” dar, das
ich jedem Reiki-Praktizierenden ans Herz legen möchte. Anhand dieses
Buches lässt sich das Reiki-System des Dr. Hayashi derzeit in seiner
vermutlich authentischsten Form erfassen. 


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Frank Doerr

Veröffentlicht von

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Von 1994 bis 2009 Mitarbeiter beim Reiki-Festival. 1996 Mitbegründer des Reiki Magazins und seitdem Redaktionsmitglied bzw. freier Mitarbeiter. Seit 1999 Chefredakteur von Reiki-land.de. Veranstalter der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin's Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein wunderbares Buch, das einen sehr persönlichen Einblick in die Geschichte einer japanischen Reiki-Familie gibt, die in den 1930er-Jahren noch direkt von Dr. Hayashi persönlich ausgebildet worden ist und somit über einen sehr ursprünglichen, gelebten Reiki-Erfahrungsschatz von mehr als 70 Jahren verfügt!

    Als Shihan, also offizielle Lehrerin des Jikiden Reiki Instituts in Kyoto, möchte ich auf manche Details, die vielleicht aus dem Buch nicht in dieser Klarheit hervorgehen, näher eingehen und einige vermutlich daraus entstandene Missverständnisse aufklären.

    Tatsächlich hat Chiyoko Yamaguchi nicht nur EIN fünftägiges Shoden- und Okuden-Seminar bei Dr. Hayashi absolviert. Ihr Onkel und Zieh-Vater Wasaburo Sugano war bereits ab 1933 offizieller Shihan, also Lehrer, des Hayashi Reiki Instituts. Weitere Verwandte folgten, und ab 1935 organisierte die Familie zwei Mal pro Jahr ein solches fünftägiges Seminar für Dr. Hayashi in ihrem Landhaus in Ishikawa. Chiyoko selbst hat also von März 1938 bis zum Tod von Dr. Hayashi 1940 fünf solcher Intensiv-Seminare absolviert, dazwischen wurde Reiki unter Aufsicht und Anleitung der ortsansässigen Lehrer in der Gruppe (die meisten davon Chiyokos Familienmitglieder) bzw. bei regelmäßigen Reiki-Treffen mit Dr. Hayashi in seiner Niederlassung in Osaka weiter geübt und verfeinert.

    Auch nach Dr. Hayashis Tod arbeitete die Familie Seite an Seite mit dessen Frau Chie Hayashi, die das Institut und die Unterrichtstätigkeit noch bis 1955 weiter aufrecht erhielt. Sie war eng mit Chiyoko Yamaguchis Familie befreundet und wohnte sogar eine Zeitlang bei ihnen. Chie Hayashi war es auch, die Chiyoko Yamaguchi Anfang der 1940er-Jahre, vor ihrer Übersiedelung in die Mandschurei, ermunterte, dort Reiki zu unterrichten und Reiju zu geben.

    Dass Chiyoko Yamaguchi „den Grad des Shihan ca. 1940 von ihrem Onkel Wasaburo Sugano mit Erlaubnis von Hayashi Sensei erhalten“ hat, liegt in erster Linie daran, dass es zu dieser Zeit keine offiziellen „Lehrer-Seminare“ gab. Wer bereit war und Dr. Hayashis offizielle Erlaubnis bekam, durfte lernen, wie man Reiju gibt. Wasaburo Sugano, wie erwähnt seit 1933 Shihan, war einer der wenigen von Hayashi Sensei autorisierten Lehrer, später „Dai Shihan“ genannt, die unterrichten durften, wie man Reiju gibt. Dass „hier Möglichkeiten einer Veränderung der Lehre bestanden haben“, ist, wenn man die Gepflogenheiten im traditionellen japanischen Reiki kennt, mehr als unwahrscheinlich.

    Denn in Japan wurde und wird auch heute noch großer Wert auf das kontinuierliche gemeinsame Praktizieren in der Gruppe gelegt, unter Anleitung und Aufsicht der anwesenden Lehrer. Bei jedem Zusammentreffen, und die fanden mehrmals im Monat statt, gaben alle anwesenden Lehrer der Reihe nach jedem Schüler in der Gruppe Reiju. Hätten sich da Ungenauigkeiten eingeschlichen, wäre das Hayashi Sensei nicht entgangen und mit Sicherheit schnellstens korrigiert worden. Das wird vom Jikiden Reiki Institut auch heute noch so gehalten, und die Shihan sind verpflichtet, regelmäßig, mindestens ein Mal pro Jahr, bei einem Seminar von Tadao Yamaguchi und/oder seinem Stellvertreter Frank Arjava Petter anwesend zu sein und ihr theoretisches Wissen und ihre praktischen Fähigkeiten überprüfen zu lassen. Auf Reiju wird dabei besonderer Wert bis ins kleinste Detail gelegt.

    Bewusste Veränderungen der Lehre wären damals wie heute aufgrund der japanischen Mentalität undenkbar gewesen. In Japan gilt es auch heute noch als größter Ausdruck von Missachtung und fehlender Wertschätzung dem Lehrer gegenüber, das Gelernte anzuzweifeln oder gar nach eigenem Gutdünken zu modifizieren, ohne dem Ganzen zumindest einen eigenen, neuen Namen zu geben. Das mag für uns Westler heutzutage etwas fremd und vielleicht sogar befremdlich wirken – was Reiki betrifft, ist diese japanische Eigenheit allerdings aus meiner Sicht recht nützlich für uns, weil wir davon ausgehen können: Wenn „Shin Shin Kaizen Usui Reiki Ryoho“ draufsteht, dann ist es das auch. Wie sehr sich Hayashi Sensei seinem Lehrer Mikao Usui verpflichtet gefühlt hat, sieht man ganz offiziell daran, dass er diesen Begriff auch auf den offiziellen Zertifikaten des Hayashi Reiki Instituts unverändert übernommen hat.

    Dass Tadao Yamaguchi „nur von – vor allem in Japan weit verbreiteten – Stilen wie Radiance sowie Varianten der freien Reiki-Szene gehört zu haben“ scheint, ist nicht ganz richtig – auch wichtige Alliance-Vertreter wie die Takata-Schülerin Fran Brown haben die Yamaguchis in Kyoto besucht, um sich mit ihnen sehr intensiv und im Detail über Reiki auszutauschen. Dabei ist den Yamaguchis bewusst geworden, wie sehr sich Reiki im Westen verändert hat, beginnend mit Hawayo Takata, die als einzige Reiki-Lehrerin außerhalb Japans, ohne persönlichen Rückhalt einer Gruppe oder eines Lehrers vor Ort, wie es in Japan der Fall war, vor der sicherlich schwierigen Entscheidung stand, Reiki entweder dem westlichen Denken anzupassen oder dabei zuzusehen, wie es der Vergessenheit anheimfällt. Tadao Yamaguchi sagt heute, aus seiner Sicht hat Frau Takata damals die richtige Entscheidung getroffen.

    Diese Entscheidung hat dann tatsächlich nach Hawayo Takatas Tod zur Entwicklung einer „Vielzahl von Strömungen“ im westlichen Reiki geführt – was ihnen aber allen gemein ist, ist die von Hawayo Takata gelegte Basis des Reiki aus westlicher Sicht. Deshalb auch Tadao Yamaguchis Unterscheidung in japanisches und westliches Reiki – im übrigen völlig wertungsfrei. Nur weil etwas anders ist, heißt das noch lange nicht, dass es besser oder schlechter ist, wie Tadao Yamaguchi immer wieder betont. Tatsächlich „subsummiert“ er alle Stile, die „nicht-japanisch“ sind, unter diesem Begriff, weil sie untereinander mehr gemeinsam haben als mit dem ursprünglichen japanischen Reiki.

    Das war auch der Grund, warum Chiyoko und Tadao Yamaguchi 1999 das Jikiden Reiki Institut gegründet haben: Um Reiki in der Form, wie die gesamte Familie es damals in den 1930er-Jahren von ihrem verehrten Lehrer Dr. Hayashi gelernt hatte, zu bewahren und künftigen Generationen von Reiki-Praktizierenden in aller Welt zugänglich zu machen.

    Bei der Erstellung des offiziellen Jikiden Reiki Lehrplans haben sie sich nicht nur auf Chiyokos Erinnerungen allein verlassen, sondern einen Familienrat einberufen. Fünf Verwandte, die damals in den 1930er-Jahren direkt bei Dr. Hayashi gelernt hatten und 1999 noch am Leben waren (unter ihnen auch Chiyokos Schwester und Bruder), kamen zusammen und verglichen ihre Erinnerungen und Aufzeichnungen – die sich bis ins Detail deckten. Auch wurden Lehrmaterialen und Dokumente von damals aus der gesamten Familie zusammengetragen – und daraus entstand schließlich das Jikiden Reiki-Lehrgebäude, wie es seit 2004 in aller Welt unterrichtet wird.

    Tatsächlich unterscheidet sich der Lehrplan etwas von dem, was im „westlichen Reiki“ vermittelt wird. Bereits im Shoden-Seminar lernen die Schüler ein erstes Symbol, das speziell zur Arbeit mit dem Byosen gedacht ist und den Effekt einer Reiki-Behandlung noch weiter intensiviert. Dieses Symbol ist im westlichen Reiki weitgehend verloren gegangen.

    Dass „der Lernumfang des Okuden geringer als der zweite westliche Reiki-Grad“ ist, beruht auf einem Missverständnis. Im Okuden lernen die Schüler ein weiteres Symbol zur Mentalbehandlung inklusive dem dazugehörigen Kototama (Mantra ist ein Konzept aus Indien, das nicht gleichbedeutend mit dem japanischen Kototama ist!) sowie ein Jumon zur Fernbehandlung, also das im westlichen Reiki so genannte „Fernheilungssymbol“ – nur dass es sich dabei eben nicht um ein Symbol handelt, das die Kraft lediglich in der Form hat, sondern eben um ein Jumon, das seine Kraft aus Form und Klang gleichzeitig bezieht. Wie aus Mikao Usuis Gedenkstein neben seinem Grab in Tokyo hervorgeht, war er ein Meister in der Erstellung der sogenannten Jumon.

    Diese ursprünglichen japanischen Heilungskonzepte von Shirushi (Symbol), Kototama und Jumon sind im Westen offensichtlich etwas durcheinander geraten und außerdem mit indischen Konzepten wie eben dem Mantra verknüpft oder verwechselt worden, was zu der heutigen Verwirrung und Beliebigkeit in der Anwendung geführt haben mag.

    Mit den beiden ersten Graden, Shoden und Okuden, ist die Grundausbildung für Jikiden Reiki Praktizierende abgeschlossen. Was danach folgt, ist eine zweistufige Lehrerausbildung. Die erste Stufe stellt der Shihan-Kaku, also der Assistenz-Lehrer, dar. Um Shihan-Kaku werden zu dürfen, bedarf es einer ganzen Menge an Reiki-Behandlungspraxis und Erfahrung mit dem Byosen, dem Kernstück der traditionellen japanischen Reiki-Behandlung. Mindestens 120 schriftlich dokumentierte direkte Reiki-Anwendungen an mindestens 40 verschiedenen Menschen sind notwendig, plus mindestens eine Wiederholung des gesamten Lehrstoffs bei Tadao Yamaguchi persönlich oder einem seiner inzwischen 17 „Dai Shihan“ weltweit. Erst danach bekommt man die Zulassung zum Shihan-Kaku-Seminar, wo man noch ein weiteres Symbol lernt, das konkret und ausschließlich während Reiju zum Einsatz kommt. Tatsächlich handelt es sich dabei aber nicht um das so genannte „Meistersymbol“, das man im westlichen Reiki kennt.

    Ein Shihan-Kaku darf zunächst nur die Anfänger, also Shoden, unterrichten. Erst wenn er entsprechende Unterrichtspraxis – mindestens 10 Schüler in mindestens 5 Seminaren inklusive schriftlichem Feedback der Teilnehmer – gesammelt hat, darf er, nach neuerlicher Wiederholung des gesamten Lehrstoffs bei Tadao Yamaguchi persönlich und/oder seinem Stellvertreter Frank Arjava Petter, zur offiziellen Shihan-Prüfung antreten und danach auch Okuden unterrichten – eine Maßnahme zur Qualitätssicherung, wie es auch seinerzeit in Japan Usus war.

    Ich hoffe, mit meinen Ausführungen vielleicht einige Unschärfen und Unklarheiten beseitigt zu haben und danke Frank Doerr für seine Rezension und Einladung, manche Details in dieser Form zu ergänzen!

    Verena Kautz, Jikiden Reiki Shihan aus St. Pölten, Österreich

  2. Frank Doerr

    Vielen Dank für die Infos. Eine Rückfrage: Wenn “Jikiden Reiki” der ursprünglichen Lehre Hayashis weitestgehend entsprechen soll, warum dann der neue Name und nicht “Shin Shin Kaizen Usui Reiki Ryoho”? Ich dachte, man vergibt nur dann einen neuen Namen, wenn es Änderungen an der Lehre gab?

    • Danke für die Frage, Frank! Tadao Yamaguchi orientiert sich auch hier an Hayashi Senseis Vorgehen. Beide haben nicht die Methode umbenannt, sondern lediglich ihrem Institut einen eigenen Namen gegeben. Sowohl Hayashi Senseis Zertifikate von damals als auch unsere Jikiden Reiki Zertifikate von heute schildern die Methode ganz klar und deutlich als “Shin Shin Kaizen Usui Reiki Ryoho” aus. Hayashi Sensei hat seine Schule nach dem Austritt aus der Gakkai damals “Hayashi Reiki Kenkyukai” genannt, in Anlehnung daran haben die Yamaguchis die “Jikiden Reiki Kenkyukai” gegründet, als Referenz und Ehrerbietung an ihren direkten Lehrer Dr. Hayashi. Wenn man es also ganz genau nimmt, handelt es sich bei der Bezeichnung “Jikiden Reiki” lediglich um eine detailliertere Angabe, über welchen Weg “Shin Shin Kaizen Usui Reiki Ryoho” an die Schüler vermittelt wird.

  3. Es ist schon erstaunlich, wer alles für sich beansprucht “das echte” Reiki zu kennen/können.
    Ich habe in Japan gelebt: Reiki ist nur ganz wenigen bekannt, das wird (fast kostenlos) weitergegeben und unterrichtet.
    Was hierzulande – auch Dank der Reiki-Alliance und Consorten läuft – ist sicher weit weg von dem, was ursprünglich von Hr. Usui gedacht war… alleine die überall kursierenden “grauenhaft falschen” Übersetzungen der 5 Lebensregeln…. da dreht sich der alte Herr gewiss im Grabe um.

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